Dokumentation: Von den Anfängen bis zur Goldplakette - Integration von deutschstämmigen Aussiedlern mit Hilfe von CVJM, Diakonie, Sport,  Gruppen, Vereinen, Schulen, Politik, Verwaltung, Justizvollzugsanstalten, Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbänden, Zeitungen, Arbeitskreis für Spätaussiedlerfragen, Sprachkursen und vielen mehr - „durch Eintracht macht man kleine Dinge groß“

„Durch Eintracht macht man kleine Dinge groß“, sagt der Volksmund. Dieser Spruch trifft voll auf die Aktion „Aussiedler und Einheimische sind ein Team“ zu. Eigentlich müsste es ja heißen „Aussiedlerinnen, Aussiedler und Einheimische sind ein Team“, denn Mädchen und Frauen sind auch herzlich willkommen. Aber dies fiel keiner und keinem so richtig im Laufe der Jahre auf.

Zum ersten Mal hatten wir 1977 Kontakt mit einem rumäniendeutschen Mädchen, einem Spätaussiedlermädchen. Sie kam von der Gerhart-Hauptmann-Realschule zu uns zum Volleyball. Davor gab es schon Kontakte zu russlanddeutschen Schülerinnen und Schüler während eines Praktikums 1976 an der Realschule Kreuzheide. Die Jugendlichen lebten in Westhagen und mussten jeden Tag mit dem Bus zur Schule in die Nordstadt fahren.

Die Aufnahme in den LandesSportBund Niedersachsen
Die Aufnahme in den LandesSportBund Niedersachsen

1972 hatte der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) Wolfsburg mit sozialsportlichen Aktivitäten begonnen – damals mit Aktionen mit jugendlichen Strafgefangenen aus der Jugendanstalt Hameln. 1976 wurde der CVJM Mitglied im LandesSportBund Niedersachsen und im selben Jahr bauten junge

Klemens Neumann (links) erklärt jugendlichen Besuchern das Fechten
Klemens Neumann (links) erklärt jugendlichen Besuchern das Fechten

Leute ein Freizeitgelände am Fuhrenkamp in Eigenarbeit. Davor waren sie in der St. Marien-Kirchengemeinde in der Nordstadt aktiv. So waren es gute Voraussetzungen für eine Arbeit mit jugendlichen Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern gegeben. 1983 kam es zu einer segensreichen Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Wolfsburg e.V. – wie auch mit anderen Gruppen, Vereinen, Sport, Schulen, Kirchengemeinden, Politik, Verwaltung, Zeitungsredaktionen, Wohlfahrtsverbänden, dem Arbeitskreis für Spätaussiedlerfragen, Sprachkursen und vielen mehr.

Rolf Müller (Dritter von rechts) mit dem Generalsekretär des YMCA Weltbundes, Lee Soo-Min, bei der YMCA Sportkonsultation 1988 bei der Olympiade in Seoul/SüdkoreaMit auf dem Foto Hermann Ortlieb (von rechts), Karin Wesp, Karlheinz Wesp und Manfred Wille
Rolf Müller (Dritter von rechts) mit dem Generalsekretär des YMCA Weltbundes, Lee Soo-Min, bei der YMCA Sportkonsultation 1988 bei der Olympiade in Seoul/SüdkoreaMit auf dem Foto Hermann Ortlieb (von rechts), Karin Wesp, Karlheinz Wesp und Manfred Wille

1983 gab es noch viele Vorurteile gegenüber Neubürgerinnen und Neubürgern „aus dem Osten“. Der damalige Sportreferent des deutschen CVJM, Rolf Müller, empfahl uns, verstärkt im CVJM aktiv zu sein – ebenso wie Klemens Neumann, ehrenamtlicher Geschäftsführer des Stadtsportbundes Wolfsburg und Vorsitzender der Sportjugend, uns riet, dass wir uns stärker dem organisierten Sport zu wenden und engagieren sollten.

Oberbürgermeister Rolf Nolting bei einer Siegerehrung in Westhagen
Oberbürgermeister Rolf Nolting bei einer Siegerehrung in Westhagen

Und dann starteten wir durch. Sowohl bei Aussiedlerinnen und Aussiedlern wie auch bei Einheimischen genauso wie bei Ausländern und Asylbewerbern kamen unsere Angebote gut an und wir erkannten, dass durch „nichtsprachliche“ Angebote wie Sport, Kochen, Backen, Basteln und vieles mehr ihnen  gut geholfen werden

Oberbürgermeister Werner Schlimme bei einer Siegerehrung in Westhagen
Oberbürgermeister Werner Schlimme bei einer Siegerehrung in Westhagen

konnte. Die Fahrten zu Punktspielen und Turnieren lernten die „Newcomer“ ihre neue Heimat besser kennen, bei Turnieren erwiesen sie sich als gute Gastgeber, bei Fahrten ins Ausland und bei Deutschen CVJM Meisterschaften waren sie keine „Aussiedler“, "Aussiedlerinnen" oder „Spätaussiedler" – sie waren für alle anderen CVJMerinnen und CVJMer.

Niedersachsens Ministerpäsident Dr. Ernst Albrecht (links) und Manfred Wile bei einem Informationsgespräch
Niedersachsens Ministerpäsident Dr. Ernst Albrecht (links) und Manfred Wile bei einem Informationsgespräch

In der Öffentlichkeit, im Vereinsleben, bei Treffen und Tagungen, bei Sitzungen und Konferenzen wiesen wir auf die guten Möglichkeiten des organisierten Sports hin. So sind Fototermine mit Politikern wie dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Dr. Ernst Albrecht noch in Erinnerung ebenso wie Referate bei der

Das Häuschen auf dem CVJM-Freizeitgelände
Das Häuschen auf dem CVJM-Freizeitgelände

Sportjugend Niedersachsen und dem LandesSportBund, beim CVJM und der Diakonie, beim Symposium des Deutschen Volleyball Verbandes, beim organisierten Tischtennissport, bei der niedersächsischen Zentrale für Politische Bildung … noch in guter Erinnerung. Gegenüber den Neubürgerinnen und Neubürgern wiesen wir aber ebenso darauf hin, wie gut Kontakte zur Zivilgesellschaft, zum Sport, zu Vereinen und Gruppen ihnen bei ihrem Einlebungsprozess helfen können.

Schülerinnen und Schüler beim Besuch des Internationalen Olympischen Komitees 1991 in Lausanne in der Schweiz. IOC-Präsident Juan Antonie Samaranch (Siebter von links)
Schülerinnen und Schüler beim Besuch des Internationalen Olympischen Komitees 1991 in Lausanne in der Schweiz. IOC-Präsident Juan Antonie Samaranch (Siebter von links)

Wir erhielten bei unseren Aktionen große Unterstützung und viel Zuspruch von Mutmacherinnen und Mutmachern‚ Daumendrückern, von Zeitungen und Zeitschriften, aus der Politik und Verwaltung, von Vereinen und Gruppen, Schulen, Kirchen, VW-Sportdienst, Justizvollzugsanstalten und vielen, vielen Einzelpersonen – es ging richtig eine Welle durchs Land. Dies verstärkte sich noch, als 1988/1989 die Zuzugszahl der Spätaussiedler stieg. Allerdings muss festgestellt werden, dass es auch Neid, Missgunst und Vorurteile gegeben hat gegenüber Neubürgerinnen und Neubürgern - aber auch untereinander.

Sport für alle: Wolfgang Wellmann (von links), Reinhard Rawe, Karl-Heinz Steinmann und Manfred Wille auf einer CVJM-Briefmarke
Sport für alle: Wolfgang Wellmann (von links), Reinhard Rawe, Karl-Heinz Steinmann und Manfred Wille auf einer CVJM-Briefmarke

1988/1989 richtete dann der LSB Niedersachsen eine Arbeitsgruppe ein, die besonders durch Reinhard Rawe, Karl-Heinz Steinmann, Wolfgang Wellmann und Manfred Wille geprägt wurde und viele Ideen entwickelte. Zum Hearing des Deutschen Sportbundes (jetzt: Deutscher Olympischer Sportbund) und des Bundesministeriums des Innern fuhren Reinhard Rawe und Manfred Wille nach Frankfurt am Main und stellten die Ideen aus Niedersachsen vor.

CVJM und Diakonie bei der Preisverleihung in Köln 1991 mit der Bundestagspräsidentin Professorin Dr. Rita Süßmuth
CVJM und Diakonie bei der Preisverleihung in Köln 1991 mit der Bundestagspräsidentin Professorin Dr. Rita Süßmuth

Diese Aktion, an der viele im CVJM und außerhalb des CVJM mitgewirkt haben, hat zahlreiche kleine und größere Pflöcke ein-geschlagen, die bis heute noch wegweisend sind: Sport mit
Neubürgerinnen und Neubürgern einschließlich

Bundestagspräsidentin Professorin Dr. Rita Süßmuth (von rechts), Beauftragter der Bundesregierung und Staatssekretär Dr. Horst Waffenschmidt und Manfred Wille bei der Preisverleihung in Köln
Bundestagspräsidentin Professorin Dr. Rita Süßmuth (von rechts), Beauftragter der Bundesregierung und Staatssekretär Dr. Horst Waffenschmidt und Manfred Wille bei der Preisverleihung in Köln

Schwimmen, Bewegung und soziales Engagement, das Sammeln von Spenden für Projekte für Kinder und Jugendliche während Turnieren, eine differenzierte Betrachtungsweise von Integration, Newcomer („Underdogs“) können Gebende sein. Aber auch kleinere Dinge wie die Startgebühr von Kuchen für Freizeitsportturniere, Zeitsätze im Volleyball, gemeinsame Mittags-pausen zum besseren Kennenlernen und vieles, vieles mehr. Einiges von dem wird es sicherlich schon davor gegeben haben – aber hier wurde eine Idee von vielen Unterstützerinnen und Unterstützern  „institutionalisiert“.

LSB-Vize-Präsident Professor Dr. Wolf-Rüdiger Umbach (von links), Staatsminister Frank Ebisch vom niedersächsischen Europaministerium, Manfred Wille vom Projekt und Friedrich Mevert vom LSB Niedersachsen stellten die Dokumentation 1993 in Hannover vor
LSB-Vize-Präsident Professor Dr. Wolf-Rüdiger Umbach (von links), Staatsminister Frank Ebisch vom niedersächsischen Europaministerium, Manfred Wille vom Projekt und Friedrich Mevert vom LSB Niedersachsen stellten die Dokumentation 1993 in Hannover vor

Die Auszeichnung mit der Goldplakette durch die Bundesregierung für vorbildliche Arbeit mit deutsch-stämmigen Aussiedlern 1991 in Köln war nur

Bei der Preisverleihung mit der niedersächsischen Sportmedaille, der höchsten Auszeichnung für Vereine im Sport. Professor Dr. Wolf-Rüdiger Umbach, Präsident des LandesSportBundes Niedersachsen (rechts) und der damalige Minister Uwe Schünemann
Bei der Preisverleihung mit der niedersächsischen Sportmedaille, der höchsten Auszeichnung für Vereine im Sport. Professor Dr. Wolf-Rüdiger Umbach, Präsident des LandesSportBundes Niedersachsen (rechts) und der damalige Minister Uwe Schünemann

der Anfang von vielen Ehrungen (hier klicken).

 

Unvergessen im Jahr davor die Paddeltour im Rahmen der deutsch-deutschen Einheit von 50 Schülerinnen und Schülern aus Sulingen, Havelberg und Wolfsburg-Westhagen über 300 Kilometer von der Oder zur Elbe unter dem Motto „Wir sitzen im selben Boot – in Ost und West“ mit Empfängen beim damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Dr. Ernst Albrecht, im Palast der Republik mit der damaligen Volkskammerpräsidentin Dr. Sabine Bergmann-Pohl (wohl die einzige Kinder- und Jugendgruppe nach dem Mauerfall) und beim Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Juan Antonio Samaranch hier klicken.

Bei der Preisverleihung "Sterne des Sports" in Berlin mit dem damaligen Bundespräsidenten Dr. Horst Köhler (Mitte), Reinhard Jahn (rechts) und Manfred Wille (links)
Bei der Preisverleihung "Sterne des Sports" in Berlin mit dem damaligen Bundespräsidenten Dr. Horst Köhler (Mitte), Reinhard Jahn (rechts) und Manfred Wille (links)

zur Elbe unter dem Motto „Wir sitzen im selben Boot – in Ost und West“ mit Empfängen beim damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Dr. Ernst Albrecht, im Palast der Republik mit der damaligen Volkskammer-Präsidentin Dr. Sabine Bergmann-Pohl (wohl die einzige Kinder- und Jugendgruppe nach dem Mauerfall) und beim Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Juan Antonio Samaranch.

Bundespräsident Joachim Gauck (links) mit Manfred Wille
Bundespräsident Joachim Gauck (links) mit Manfred Wille

Ein Höhepunkt für mich war die Auszeichnung mit dem Bundes-Verdienstkreuz 2012 durch den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Schloss Bellevue in Berlin. Zum Artikel mit einer umfangreichen Bildergalerie hier klicken.

Der CVJM Wolfsburg hat eine Dokumentation "CVJM bewegt: 40 Jahre Aktionen mit und für Neubürgerinnen und Neubürger" herausgegeben. Auf 178 Seiten wird ausführlich über diese segensreiche Arbeit berichtet. Zum Buch hier klicken.

 

Integrativer Sport war auch zum 30-jährigen Jubiläums des Programms "Integration durch Sport" schon Thema des Monats auf diesem Internetauftritt hier klicken.