Thema des Monats November 2018: Sport im Strafvollzug - Erwartungen - Möglichkeiten - Grenzen - CVJM Wolfsburg fährt seit über vier Jahrzehnten in Justizvollzugsanstalten - Wie läuft ein Besuch ab? - Opfer nicht vergessen! - vorbeugende Maßnahmen müssen gefördert werden - sinnvolle Angebote für junge und ältere Menschen

Manfred Wille
Manfred Wille

eiManfred Wille beschriebt heute im Thema des Monats Fahrten des CVJM Wolfsburg in die Jugendanstalt Hameln und die Justizvollzugsanstalten nach Wolfenbüttel und Braunschweig. Der CVJM hat zu diesem Arbeitsbereich eine Broschüre herausgegeben „40 Jahre Sport im Strafvollzug – 40 Jahre christlicher Sozialsport“ (bitte zur Broschüre hier klicken). Manfred Wille hat unter anderem Sport am Institut für Leibesübungen an der Technischen Universität Sport studiert. Einer der Schwerpunkte des Studiums war „Sport und Resozialisierung“.

 

Der Internetauftritt der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel mit der Außenstelle Braunschweig ist www.justizvollzugsantalt-wolfenbuettel.niedersachsen.de, der Internetauftritt des CVJM Wolfsburg ist www.cvjm-wolfsburg.de

 

In den siebziger Jahren wurde verstärkt Sport im Strafvollzug angeboten. Etwas übertrieben und idealistisch glaubte „man“ damals, wenn ein Ball in den „Knast“ geworfen wird, sind alle „Knackies“ resozialisiert. Dem ist aber nicht so. Dies wird auch gut im Film „Clockwork Orange“ (Uhrwerk Orange) gezeigt. Flankierende Maßnahmen sind notwendig – besser noch präventive Maßnahmen. Dann würde es auch weniger Opfer geben.

 

Am Institut für Leibesübungen der Technischen Universität Braunschweig wurde in den 70er ein Forschungsprojekt mit der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wolfenbüttel durchgeführt. Der Leiter des Projektes war Professor Dr. Hannes Neumann und Mitarbeiter Dr. Jürgen Schröder (später Professor in Göttigen) und Volker Getrost. Unterstützt wurde es von Hannes Wittfoth. Die Ergebnisse dienten zur weiteren Arbeit im Sport mit Strafgefangenen.

 

Der CVJM Wolfsburg begann 1972 mit Volleyball und später im Tischtennis mit der Jugendanstalt Hameln. Unvergessen der unermüdliche Einsatz des damaligen Landessekretärs Helmut Neuber vom CVJM-Landesverband Hannover. Unvergessen auch der Besuch der Jugendanstalt Hameln, als wir noch in die alte Jugendanstalt mit unserem ehemaligen Polizei-Bulli gefahren sind. Ein Gegröle aus den Zellenfenstern, das Geschirr wurde gegen die Gitterstäbe geschlagen. Später verstärkte sich die Zusammenarbeit mit der JVA Wolfenbüttel und jetzt noch zusätzlich mit der JVA Braunschweig, die aber auch zur JVA Wolfenbüttel gehört. 2007 ist der CVJM Wolfsburg beim Wettbewerb „Sterne des Sports“ durch den damaligen Bundespräsidenten Dr. Horst Köhler ausgezeichnet worden.

 

 

Wie läuft ein Besuch ab?

 

Rund zwei, drei, vier Monate vorher wird ein Termin festgelegt. Normalerweise an einem Sonntag. Dann wird der Termin Interessierten mitgeteilt. Je nach Sportart (Volleyball, Fußball, Tischtennis, Spielenachmittag, JVA-Sportabzeichen) fahren rund fünf, sechs und bis zu 15, 20 Personen mit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen einen gültigen Personalausweis haben – also mindestens 16 Jahre alt sein. Dies ist auch gut so, da es doch eine ganz neue Situation für die Mitfahrerinnen und Mitfahrer ist. Selbst für Sozialsportlerinnen und Sozialsportler, die schon über Jahre mitgefahren sind, ist es immer wieder eine beklemmende Situation.

 

Etwa zehn Tage vor dem Besuch, vor der Begegnung werden die Namen mit Geburtsdatum der JVA geschickt. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden überprüft. Es gibt bestimmte Vorgaben vonseiten der JVA.

 

Dann werden noch einmal alle informiert. Am Sonntag gegen 12 Uhr treffen wir uns in Westhagen. Es wird überprüft, ob alle Mitfahrerinnen und Mitfahrer einen gültigen Personalausweis oder Reisepass dabei haben. Notfalls muss er noch geholt werden. Gegen 12.45 Uhr sind wir vor der JVA. Manche Teilnehmer kommen auch direkt zur JVA. Dann geht es in die JVA. Wir müssen unsere Personalpapiere abgeben. Es dürfen keine Handys und Fotoapparate und andere Dinge mitgenommen werden wie zum Beispiel KörperSPRAY. Wir kommen immer gut mit den Einsitzenden ins Gespräch. Nach zwei, drei, vier Stunden ist die Begegnung vorbei und wir verlassen das Gefängnis. Anschließend sprechen wir noch über den Besuch. Wichtig ist uns, dass die Besucherinnen und Besucher einen realistischen Einblick in die Situation eines Gefängnisses erhalten. Manchmal nehmen wir auch schon straffällig gewordene Jugendliche mit. Wichtig ist uns auch, dass die Situation von Opfern gesehen werden. Und wichtig ist uns, dass gesehen wird, wie wichtig vorbeugende, also präventive Arbeit ist, wie wichtige sinnvolle Angebote für junge (und ältere) Menschen sind. Daran darf wirklich nicht gespart werden.

Mitarbeiter aus Hameln, Wolfenbüttel und Braunschweig, die uns in den vier Jahrzehnten unterstützt haben: Günter König, Ulrich Bock, Hans-Werner Müller, Rudolf Stein, Georg Caldenhofen, Oliver Grau, Mario Loba, Dietmar-Gero Meyer, Martin Berger, Hannes Wittfoth, Frank Gericke, Klaus Kandziora, Dieter Münzebrock, Detlef Schumann, Martin Burgdorf, Carsten Küther, Andreas Rehr

 

Teilnehmende Gruppen, Vereine, Schulen, Kirchen und Organisationen: TUS Barenburg, Hauptschule Westhagen, Realschule Sulingen, Hans-ChristianAndersen-Schule; VfR Eintracht Nord Wolfsburg, LSB-Programm „Integration durch Sport“, SSV Neuhaus, TTC Detmerode, TTC Magni Braunschweig, TSV Ehmen, evangelische Mennonitengemeinde Westhagen, evangelisch-baptistische Immanuelgemeinde, CVJM Landesverband Hannover, Selbständig-EvangelischLutherische Kirche Wolfsburg, evangelisch-lutherische Kirche Mörse, Diakonie Wolfsburg, CJD Wolfsburg, CVJM Wolfsburg, Tischtennis-Stadtverband Wolfsburg, Niedersächsische Tischtennis Verband, Diakonie Hannover, CVJM Bennigsen, CVJM Bissendorf, CVJM Nienburg, CVJM Laatzen, CVJM Stederdorf, evangelisch-lutherische Bonhoeffergemeinde Westhagen, Mütterzentrum Westhagen, Chor der Deutschen aus Russland, CVJM Sarstedt, CVJM Landesbergen, Nachbarschaft Teichbreite, TuS Neudorf-Platendorf, FC Rautheim, BSC Acosta Braunschweig, Union Salzgitter, SC Atzum, MTV Salzdahlum, MTV Braunschweig, Bunte Grundschule Westhagen, Politiker und zahlreiche Einzelpersonen...

 

Einige Stimmen

 

Seit über 20 Jahren engagiert sich der CVJM Wolfsburg geleitet durch Herrn Manfred Wille hier in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel. Mittlerweile unzählige sportliche Vergleichskämpfe zwischen Mitgliedern des CVJM Wolfsburg und Inhaftierten der JVA Wolfenbüttel haben stattgefunden. Immer stand der sportliche Erfolg im Hintergrund. Viel wichtiger war doch der kommunikative Austausch unter den Sportlern. In friedlicher und freundlicher Atmosphäre konnte gelacht und gescherzt, aber vor allem auch ernsthafter Austausch stattfinden. Gerade diese Kontakte zu externen Besuchern sind für die Inhaftierten von großer Wichtigkeit. Können diese doch Ansporn sein, in Zusammenarbeit mit dem Justizvollzug, künftiges Verhalten zu überdenken. Im Namen der Justizvollzugsanstalt wünsche ich dem CVJM Wolfsburg und Herrn Manfred Wille weiterhin viel Erfolg beim stetigen Bemühen Integration durch Sport vor allem auch hier in der JVA Wolfenbüttel zu erreichen.

Dieter Münzebrock, Leiter der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel mit der Außenstelle Braunschweig

 

40 Jahre CVJM Wolfsburg und ich durfte einige Aktionen in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel begleiten. Am Anfang war es gar nicht so einfach, die Vorgesetzten von der Idee zu überzeugen, auch die zuzulassen - die schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren - bzw. auch junge Mädchen und Frauen ab 16 Jahre. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten, bis zu meiner Pensionierung im Jahr 2006, waren die sportlichen Begegnungen in der JVA Wolfenbüttel mit dem CVJM Wolfsburg eine feste Größe. Zwei Begegnungen im Tischtennis im Jahr und zwei im Volleyball, mit wechselnden Siegern, endete immer harmonisch. Mal konnte im Anschluss noch gegrillt werden, mal wurde das schon traditionelle Kaffee und Kuchenbuffet in der Kirche aufgebaut, es wurde geklönt - man kam sich näher. Ein kleiner Einblick in die Anstalt und in der Gedenkstätte rundeten diese Veranstaltungen ab. Für die Gefangenen waren diese Begegnungen eine willkommene Abwechslung im Knast-Alltag, Kontakt zu Menschen von draußen zu haben. Und die Verantwortlichen vom CVJM legten einen Schwerpunkt auf die Integrationsförderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Das ist gelungen, es gab nie irgendwelche Probleme zu beklagen. Ein besonderer Höhepunkt war 2007 die Auszeichnung für gelungene Integrationsförderung beim Bundespräsidenten in Berlin. Manfred Wille und seine Mitorganisatoren können zu Recht stolz auf die Würdigung ihrer Leistung durch den Bundespräsidenten sein. Allen Verantwortlichen des CVJM Wolfsburg wünsche ich auch weiterhin viel Erfolg und etwas Glück - für ihre nicht immer einfachen Aufgaben.

Rudi Stein, Urgestein im Sport im Strafvollzug aus der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel

 

Die Sportjugend Niedersachsen hat sich bald nach ihrer Gründung auch für den Bereich „Sport im Strafvollzug“ eingesetzt. Bekannte Professoren wie Prof. Dr. Jürgen Schröder aus Göttingen, Prof. Klaus Prenner aus Braunschweig und Prof. Dr. Günter Pilz aus Hannover haben uns mit theoretischem Grundwissen und praktischen Anregungen versorgt. Aber auch aus dem Bereich des Strafvollzugs gibt es Namen, die uns sofort einfallen, Ulrich Bock und Hannes Wittfoth. Und dann gibt es eine Ikone, die immer in vorderster Front kämpfte, fordernd aber bis zum Äußersten hilfsbereit, Manfred Wille, der Volleyballer vom CVJM Wolfsburg. Ich habe ihn 1987 kennengelernt und seine Aktivitäten begleiten mich als Vorbild bis heute. Gern erinnere ich an zahllose Diskussionen und Aktivitäten, in denen mich immer wieder sein Optimismus ansteckte und zu neuen Projekten motivierte. Der Sport im Strafvollzug hat in diesem Volleyballer noch heute einen brillanten Anwalt, eine der schönen Facetten des Sports.

Wolfgang Wellmann, Urgestein im Sozialsport im LandesSportBund Niedersachsen und ehemaliger Vorsitzender der niedersächsischen Sportjugend

 

Die Besuche bei den Volleyall- und Fußball-Turnieren in Westhagen waren immer ein Highlight für unsere Insassen. Die gute Bewirtung bliebt immer in guter Erinnerung. Positiv für uns Betreuer war, dass keiner der Insassen auf den Fahrten abgehauen ist. Und wenn die Wolfsburger zu uns nach Hameln gekommen sind, war dies äußerst belebend für den Alltag, da es nicht alltäglich war.

Henning Bock, ehemaliger Sportlehrer in der Jugendanstalt Hameln